Neue Studie mit Bedeutung auch für Nußloch
Eine im März 2026 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie der Universität Lund liefert die bisher empirisch stärksten Belege für eine Forderung, die Waldvision Nußloch seit Jahren stellt: Unberührte Primärwälder sind für den Klimaschutz weit wertvoller als bewirtschafteter Forst – und der Unterschied ist größer, als die Forschung bisher angenommen hat.
Was die Studie zeigt
Das Team um Didac Pascual verglich schwedische Primärwälder direkt mit bewirtschafteten Vergleichsflächen – und maß dabei Kohlenstoff in lebender Biomasse, Totholz, Böden bis ein Meter Tiefe sowie in Holzprodukten. Das Ergebnis ist eindeutig: Unberührte boreale Urwälder speichern über 70 Prozent mehr Kohlenstoff als bewirtschafteter Forst. In absoluten Zahlen bedeutet das 9,9 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter mehr – ein Unterschied, der laut Studie 151 Prozent der gesamten kumulierten fossilen CO₂-Emissionen Schwedens seit 1834 entspricht.
Das überraschendste Ergebnis betrifft den Boden. Mitautor Anders Ahlström fasst es so zusammen: Der Boden von Urwäldern allein speichert so viel Kohlenstoff wie der gesamte bewirtschaftete Wald – Bäume, Totholz und Boden zusammen. Die dickere organische Auflage, ungestörte Wurzelnetzwerke und das Fehlen von Bodeneingriffen machen den entscheidenden Unterschied.
Bisher war es wegen fehlender Vergleichsdaten schwierig, diesen Effekt zu quantifizieren. Die neue Studie schließt diese Lücke mit einem robusten Ansatz: Drei unabhängige Analysemethoden liefern konsistente Ergebnisse. Die Autoren schätzen, dass frühere Studien den Klimavorteil von Urwäldern um das 2,7- bis 8-fache unterschätzt haben.

Kahlschlag in Primärwäldern – auch in Schweden
Die Studie macht auch auf eine beunruhigende Praxis aufmerksam: Zwischen 2003 und 2019 fanden in Schweden rund 20 Prozent aller Kahlschläge in Wäldern statt, die zuvor als unberührte Primärwälder klassifiziert waren. Die Autoren sind direkt: Die Umwandlung von Urwäldern verringert die Kohlenstoffspeicherung stärker als bisher angenommen. Der Schutz verbleibender Urwälder und die Erholung unbewirtschafteter Flächen böten deutlich größere Klimavorteile als bisherige Studien gezeigt haben.
Weshalb die Studie auch für Nußloch relevant ist
Die schwedische Studie befasst sich mit borealen Nadelwäldern – strukturell anders als der gemischte Laubwald des Nußlocher Gemeindewalds. Der zugrundeliegende Mechanismus ist jedoch derselbe: Bodeneingriffe durch Befahrung und Bodenvorbereitung, das Entfernen von Totholz und die Unterbrechung natürlicher Sukzession reduzieren die Kohlenstoffspeicherung dauerhaft. Dieser Befund ergänzt den Policy Brief der Naturwald Akademie vom Februar 2026, den wir bereits eingeordnet haben – und der für europäische Laubwälder zu vergleichbaren Schlussfolgerungen kommt.
Für uns bedeutet das: Die Forderung, alte Bestände im Nußlocher Gemeindewald zu schützen, Totholz im Wald zu belassen und mindestens 20 Prozent der Fläche aus der Nutzung zu nehmen, ist keine lokale Eigenheit – sie steht im Einklang mit dem aktuellen Stand der internationalen Waldforschung – und bekräftigt, was wir zum Internationalen Tag des Waldes bereits ausführlich dargelegt haben.
Die Studie ist hier zugänglich: science.org/doi/10.1126/science.adz8554

