In Schweizer Wäldern liegt heute rund viermal mehr totes Holz als noch in den 1990er-Jahren. Was auf den ersten Blick nach Vernachlässigung aussieht, gehört laut der neuesten Biodiversitätserhebung zu den wenigen positiven Trends überhaupt: Während Schmetterlinge, Wildbienen, Vögel und Wildblumen seit 1900 massiv zurückgegangen sind, hat sich die Menge an Totholz vervielfacht – und mit ihr die Zahl der Arten, die davon leben, wie die NZZ kürzlich berichtete.
Ein Viertel der Waldarten ist auf totes Holz angewiesen
Forscher der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) beziffern diese Abhängigkeit konkret. Ein Viertel bis ein Drittel aller Waldarten kann ohne Totholz gar nicht überleben: 1700 Käferarten, 2700 Pilzarten, dazu Moose, Flechten und Spechte. Weitere 50 bis 70 Prozent der Arten nutzen es zusätzlich, etwa zur Eiablage.
Jede Form von Totholz erfüllt eine andere Funktion
Entscheidend ist nicht allein die Menge, sondern die Vielfalt der Formen. Ein liegender Stamm bietet andere Lebensbedingungen als ein stehender toter Baum, ein frisch gefallener andere als ein seit Jahrzehnten vermodernder. Der Dreizehenspecht braucht Fichtenwälder mit viel stehendem Totholz, die Larve des Hirschkäfers verbringt bis zu sieben Jahre in halb verrotteten Stämmen. Auch der Abbau selbst dauert je nach Holzart sehr unterschiedlich lang: Eine Buche zersetzt sich in rund 25 Jahren, eine Eiche kann dafür über hundert Jahre brauchen.
Sturm und Borkenkäfer treiben die Zunahme
Einzelne abgestorbene Bäume hat es im Wald schon immer gegeben. Größere Mengen Totholz entstehen aber vor allem durch Stürme oder Borkenkäferbefall, der durch Trockenheit geschwächte Bäume trifft. Beides – Stürme und Trockenperioden – tritt mit dem Klimawandel häufiger auf, und das dabei anfallende Holz bleibt in der Schweiz zunehmend im Wald liegen.
Im Nußlocher Gemeindewald verlief das anders: Vom Borkenkäfer befallene Fichten wurden vollständig von den betroffenen Flächen entfernt, statt als Totholz liegen zu bleiben. Anstelle der Fichten wurden nicht standortheimische Douglasien gepflanzt – erneut als Monokultur.
Schweiz liegt europaweit an der Spitze, Deutschland weit dahinter
Die Schweizer Zahlen zeigen, wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht. Lagen 1990 im Schnitt 5 Kubikmeter Totholz pro Hektar Wald, sind es heute selbst im holzarmen Mittelland rund 20 Kubikmeter – doppelt so viel wie in Schweden, wesentlich mehr als im Durchschnitt deutscher Wälder. In den Westschweizer Voralpen werden mit bis zu 44 Kubikmetern pro Hektar europäische Spitzenwerte erreicht.
Spezialisierte Arten brauchen deutlich mehr
In der Forstwirtschaft hält sich vielerorts die Vorstellung, ein guter Wald müsse aufgeräumt sein. Ein deutsches Beispiel zeigt das Gegenteil: Im Schwarzwald lassen Forstbetriebe auf einem Netz kleiner Flächen gezielt Totholz liegen, weil sich hochspezialisierte Arten erst bei deutlich höheren Mengen ansiedeln. Für einen Pilz wie die Zitronengelbe Tramete, der stark zersetztes Nadelholz besiedelt, braucht es 100 bis 120 Kubikmeter pro Hektar – ein Wert, den bewirtschaftete Wälder normalerweise nicht erreichen.

Auch bei der Waldbrandgefahr entlastet Totholz
Mit Blick auf die Waldbrandgefahr, die in diesem trockenen Sommer wieder Thema ist, widerspricht die Forschung der gängigen Annahme. Liegendes Totholz ist meist feucht und brennt schlechter als trockene Laubstreu oder Reisig. Verbrannte Flächen sind für die Artenvielfalt zudem kein Totalverlust: Zahlreiche pyrophile Arten sind auf Brandflächen spezialisiert und finden sich oft schon kurz nach dem Feuer ein.

Auch für Nußloch relevant
Auch im Nußlocher Gemeindewald ist Kronenholz immer wieder Streitpunkt. Nußlocher Bürgerinnen und Bürger beobachteten im Frühjahr, wie größere Mengen Astmaterial aus dem Wald geholt und gehäckselt wurden. Auf unsere Nachfrage bestätigte die Gemeinde, dass Kronenholz in Teilbereichen zusammengefahren und abgefahren wurde, um Wege und Rückegassen freizuhalten; an anderer Stelle, etwa bei Schlagraumverzicht, bleibt es im Wald.
Das Nußlocher Leitbild „Klimastabiler, naturnaher Wald“, 2022 vom Gemeinderat einstimmig verabschiedet, setzt neben dem Holzvorrat auch einen eigenen Zielwert für Totholz: Bis 2042 soll der Totholzanteil auf 40 Kubikmeter pro Hektar steigen, um Insekten, Pilzen, weiteren Einzellern und Kleintieren ausreichend Lebensraum und Nahrung zu bieten – die Entwicklung wird alle zehn Jahre stichprobenartig erfasst. Der Holzvorrat soll zudem auf 400 Festmeter je Hektar steigen, bei einem auf 1.200 Festmeter begrenzten jährlichen Hiebsatz. Damit liegt das Nußlocher Ziel deutlich über dem Schweizer Minimum von 20 Kubikmetern pro Hektar, mit dem dort die meisten Arten gerade noch auskommen. Für die hochspezialisierten Arten, die laut WSL Werte von 100 bis 120 Kubikmetern benötigen, reicht es allerdings nicht aus.
Wer Totholz liegen lässt, verzichtet auf Ordnung im klassischen Sinn und gewinnt dafür Lebensraum für einen erheblichen Teil der Waldarten.
Quellen: NZZ, WSL Birmensdorf, Nature Ecology & Evolution (2026), Leitbild klimastabiler, naturnaher Wald

