Die Situation im Wald ist alarmierend: Ein Kommentar zum Artikel der RNZ vom 10.6.2021

Ein persönlicher Kommentar zum in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 10.6.2021 veröffentlichten Artikel "Nußloch: Die Situation im Wald ist alarmierend"

In der Ausgabe vom 10.6.2021 veröffentlichte die Rhein-Neckar-Zeitung einen Artikel über den Zustand des Nußlocher Waldes.

Der mit „Die Situation im Wald ist alarmierend“ betitelte Artikel zeigt in einem Foto Revierförster Markus Reinhard und Bürgermeister Joachim Förster, die sich laut Bildunterschrift „um die Zukunft des Nußlocher Waldes sorgen“.

Der Artikel verweist außerdem auf einen früheren Artikel vom 4.3.2020 (Buchen fallen dem Klima zum Opfer).

Ein Kommentar

Beide Artikel haben in der Grundaussage eines gemeinsam: Als Hauptursachen für den dramatisch verschlechterten Zustand des Nußlocher Walds werden Klimawandel und Borkenkäferbefall angeführt. Die daraus resultierenden Schäden führen dazu, dass Bäume geschlagen und entnommen werden müssen.

Dass Klimawandel und Borkenkäfer dem Nusslocher Wald stark zugesetzt haben, ist sicherlich unbestritten. Dass diese beiden Aspekte nach wie vor als ausschließlicher Grund für den aktuellen Zustand des Nußlocher Waldes angeführt werden, wirft allerdings etliche Fragen auf.

Festhalten an traditionellen Methoden

Ist es nicht so, dass durch den Klimawandel auch ein Umdenken in der Forstwirtschaft erforderlich wird?

Durch die Entnahme der kranken oder vertrockneten Bäume wird das Blätterdach immer stärker ausgelichtet, so dass Sonne und Hitze ungehindert auf die verbliebenen Bäume treffen. Dort entstehen so weitere Schäden, da wertvolle Schattenspender fehlen..

Was ist die Folge? Weitere Bäume trocknen aus und sterben ab. An vielen Buchen tritt Blattnekrose auf. Die Forstarbeiter entnehmen im Folgejahr weitere Bäume, da diese ja frisch erkrankt sind.

Ein Domino-Effekt

Ein Domino-Effekt, der durchs Festhalten an gewohnten Methoden nicht aufzuhalten sein wird. Nicht alle Maßnahmen, die vor den spürbaren Folgen des Klimawandels geeignet gewesen sein mögen, müssen heute noch richtig sein.

Begleiterscheinungen

Bei der Entnahme der geschlagenen Bäume wurden in den letzten zwei Jahren zusätzliche Rückegassen eingerichtet. Außerdem wurden die Forstwege weiter ausgebaut, um die große Anzahl der gefällten Bäume besser transportieren zu können.

Die Forstwege im Wald sind inzwischen teilweise besser ausgebaut als manche Verbindungsstraße zu Nußlochs Nachbargemeinden und haben mancherorts fast schon Autobahncharakter.

Nach wir vor wurden Schirmschläge durchgeführt, wodurch ganze Waldabschnitte ungeschützt der Sonneneinstrahlung ausgesetzt wurden. Nur ein paar Schritte abseits der Hauptwege gibt es überall Waldabschnitte, die an verlassene Schlachtfelder erinnern.

Waldinnenklima und Wasserkreislauf

Was ist hier die Folge? All diese Maßnahmen führen zu weiterer Bodenverdichtung und Zerstörung des waldinternen Wasserkreislaufs. Auch das Waldinnenklima verschlechtert sich unter diesen Einflüssen immer mehr.

Gerade in Zeiten der großen Trockenheit, auf die in den Artikeln eingegangen wird, sind diese Maßnahmen fatal. Sie führen zu einer Verstärkung der Effekte, die durch den Klimawandel verursacht werden, anstatt ihnen entgegenzuwirken.

Durch die Entnahme der kranken Bäume wird dem Wald außerdem wertvolle Biomasse entzogen. Auch geht für den Klimaschutz wichtiger CO2-Speicher verloren.

Die in den Artikeln beschriebenen Maßnahmen (Entfernen der kranken Bäume, Neupflanzungen) sind deshalb kein nachhaltiger Beitrag im Sinne des Klimaschutzes. Ein „weiter so“ wird nicht dazu beitragen, den Folgen des Klimawandels und des Borkenkäfers adäquat zu begegnen – das ist zu kurz gedacht.

Wald kann viel

Wir müssen dem Wald die Chance geben, sich selbst an die Folgen des Klimawandels anzupassen, ohne die negativen Effekte zusätzlich zu verstärken.

Eine naturnahe Waldbewirtschaftung mit wenigen Eingriffen in den Wald könnte eine Antwort sein, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen.

So könnten wir die weitere Verschlechterung des Waldzustands zumindest verlangsamen:

  • Seltene und behutsame Eingriffe
  • Nur einzelne Bäume werden geerntetschonend für Boden und Tierwelt
  • Berücksichtigung standortheimischer Baumarten und Erhalt von Biotopbäumen
  • Förderung von Starkbäumen und Totholz
  • Höherer Baumvorrat (Walddichte)
  • Erneuerung des Waldes durch Naturverjüngung (keine frühzeitigen Lichtungshiebe)
  • Schonung des Waldbodens (Verzicht auf schwere Großmaschinen, seltenes Befahren)

Diese Maßnahmen würden letztendlich nicht nur dem Wald und den dort angesiedelten Pflanzen- und Tierarten zu Gute kommen. Auch die Nußlocher Bürger*innen würden profitieren.

Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen Mut beweisen und ein Konzept erarbeiten, das auf die genannten Aspekte eingeht und diese idealerweise in den Mittelpunkt des Planens und Handelns rückt.

Wirtschaftliche Interessen dürfen bei einem Gemeindewald, der gleichzeitig als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet unter besonderem europäischen (Natur-)Schutz steht, nicht länger im Mittelpunkt stehen.

Die regelmäßige Berichterstattung zum Thema in der Rathausrundschau, offene Briefe an die Gemeindeverwaltung und Rückmeldungen von Nußlocher Bürger*innen an uns zeigen, dass wir nicht alleine sind mit unsere Sorge um den Nußlocher Wald.

Wir vertrauen darauf, dass die Verantwortlichen die richtigen Schritte initiieren, um unseren Wald zu unser aller Wohl zu schützen.

Betroffenheit ist ein wichtiger erster Schritt der Erkenntnis.

Mir fehlen im Augenblick allerdings noch die Zeichen dafür, dass der tatsächlich alarmierende Zustand des Nußlocher Waldes in der ganzen Tragweite erfasst wurde. Jedenfalls lässt sich eine solche Schlussfolgerung nicht aus dem in der Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichten Artikel und den dort beschriebenen Maßnahmen ableiten.

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