Chance vertan

Eine Stellungnahme der Waldvision Nußloch zum durch den Gemeinderat unlängst verabschiedeten Leitbild "Klimastabiler, naturnaher Wald"

Letzte Woche Mittwoch, den 13.10.2021, wurde im Nußlocher Gemeinderat das überarbeitete Leitbild Naturnaher, klimastabiler Wald vom Gemeinderat einstimmig verabschiedet.

Die Erarbeitung eines solchen Leitbilds an sich war eine große Chance für die Gemeinde Nußloch und den Gemeindewald.

Wie auch schon der erste Entwurf entstammt auch die nun verabschiedete Version aus der Feder unserer zuständigen Forstbehörde, die auch mit der Umsetzung der im Leitbild vorgegebenen Prinzipien beauftragt ist.

Die Förster wiederum betonen, dass sie lediglich das umsetzen, womit die Gemeinde sie beauftragt.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Frühnebelstimmung im Oktober 2021
Frühnebelstimmung im Oktober 2021

Die Chance, mit der Bewirtschaftung des Nußlocher Walds eine Vorreiterrolle in der Region zu spielen und Klimaschutz sowie Walderholung ganz klar in den Vordergrund zu stellen, wurde durch die Verabschiedung des Leitbilds in der vorliegenden Form leichtfertig vertan.

Stattdessen setzt der Gemeinderat das Signal eines „Weiter so!“ und ignoriert damit weitgehend die Sorgen und Ängste etlicher Bürger*innen, die sich in den letzten Monaten in der einen oder anderen Form zu Wort gemeldet haben.

Das vorgelegte Leitbild ist eine Mischung aus Wünschen, Visionen, Arbeitsanweisungen, Zielen und Verfahrensbeschreibungen. Damit handelt es sich bei dem, was verabschiedet wurde, per definitionem also gar nicht um ein Leitbild, auch wenn es so betitelt ist.

Die Waldvision Nußloch teilt die Einschätzung des Bürgermeisters Joachim Förster NICHT, dass mit dem verabschiedeten Leitbild „ein sehr gutes Ergebnis“ erzielt wurde. Aus unserer Sicht wurde die vorhandene Chance leichtfertig vertan!

Vision und Verbindlichkeit

Schon bei der Vorstellung des ersten Entwurfs in einer öffentlichen Klimaratssitzung am 22.6.2021 hatten wir angemahnt, dass das vorgestellte Leitbild unserer Meinung nach viel zu wenig konkret und zu unverbindlich ist.

Schon damals hatten wir unserem Bedauern Ausdruck verliehen, dass wir nicht – wie ursprünglich in Aussicht gestellt – in die Erstellung des Leitbilds einbezogen worden waren, sondern nur das fertige Ergebnis präsentiert bekommen hatten.

Angebote zum inhaltlichen Dialog

Im Anschluss an die Präsentation im Klimarat hatten wir dem Gemeinderat eine Vielzahl von Angeboten gemacht, um die konservativ-forstliche (und durchaus ökonomisch) geprägte Beratung durch eine weitere zu ergänzen, die auch ökologische Aspekte berücksichtigt und den aktuellen Stand der Wissenschaft mit eingebracht hätte.

Wir haben – ermuntert durch den Bürgermeister – ein alternatives Leitbild erstellt und auch eine Gegenüberstellung der beiden vorliegenden Vorschläge erarbeitet und zur Verfügung gestellt.

Die Ablehnung fast aller Angebote, weitere Informationen einzuholen oder sich zusätzliche Beratung von neutralen Waldwissenschaftlern einzuholen, ist aus unserer Sicht Zeugnis einer nicht angebrachten Arroganz.

Natürlich ist der Wald in Zeiten des Klimawandels ein weites und komplexes Feld mit etlichen Wechselwirkungen. Und natürlich erwarten wir nicht, dass der Gemeinderat sämtliche möglichen Aspekte eines solch spezifischen Fachthemas parat hat und wissenschaftlich durchdringt.

Aber wir erwarten, dass sich der Gemeinderat umfassend informiert, bevor er eine Entscheidung trifft.

Der von uns organisierte Waldspaziergang mit Volker Ziesling, zu dem wir den Klimarat eingeladen hatten, wurde lediglich von Vertretern einer einzigen Fraktion in Anspruch genommen.

Andere Teilnehmer*innen an dieser öffentlichen Veranstaltung bedankten sich im Anschluss für die vielen guten Diskussionen und Hintergrundinformationen, die während des Spaziergangs entlang konkreter Beispiele vermittelt wurden.

Zuletzt bedauern wir, dass erneut kein runder Tisch zustande gekommen ist, an dem auch Vertreter*innen der Bürgerschaft hätten teilnehmen können. Stattdessen wurde durch die Förster hinter verschlossenen Türen das finale Leitbild erarbeitet. Die Inhalte wurden vermutlich während einer nicht-öffentlichen Waldbegehung mit dem Gemeinderat am 9.10.2021 vorgestellt. Vertreter von NGOs waren dazu nicht eingeladen. Der so erarbeitete Vorschlag wurde dann in der Gemeinderatssitzung am 13.10.2021 offiziell vorgestellt und verabschiedet.

Eine gelungene Bürgerbeteiligung sieht aus unserer Sicht anders aus. Der auf den öffentlichen Sitzungen vorherrschende Umgangston war bislang nicht wertschätzend und zeugte nicht von Bürgernähe.

Die finale Version des Leitbilds, die vom Gemeinderat verabschiedet wurde, reflektiert einige Aspekte, die wir angeregt hatten. Dies begrüßen wir sehr.

Allerdings hat sich die neue Version im Vergleich zum Entwurf im Kern nicht so signifikant verändert, wie wir es für nötig erachtet hätten.

Geltendes Recht

Besonders bestürzt sind wir darüber, dass im jetzt verabschiedeten Leitbild klare Verstöße gegen den gültigen FFH-Managementplan und damit gegen geltendes EU-Recht billigend in Kauf genommen werden.

Unsere Wünsche in Bezug auf naturnahe Waldbewirtschaftung mit den Aspekten

  • Seltene und behutsame Eingriffe
  • Nur einzelne Bäume werden geerntetschonend für Boden und Tierwelt
  • Berücksichtigung standortheimischer Baumarten und Erhalt von Biotopbäumen
  • Förderung von Starkbäumen und Totholz
  • Höherer Baumvorrat (Walddichte)
  • Erneuerung des Waldes durch Naturverjüngung (keine frühzeitigen Lichtungshiebe)
  • Schonung des Waldbodens (Verzicht auf schwere Großmaschinen, seltenes Befahren)

sind bereits als verbindliche Vorgabe nach EU-Recht artikuliert und finden sich nur in unzureichenden Teilaspekten im Leitbild wieder.

An anderen Stellen enthält das Leitbild Vorgaben, die nicht mit dem FFH-Managementplan in Einklang zu bringen sind. Z.B. ist das Aufforsten nicht heimischer Douglasien, auch wenn sie sich nach Ansicht der Förster bewährt haben, im Waldmeister-Buchenwaldgebiet nicht zulässig.

Der FFH-Managementplan artikuliert klipp und klar, dass alle getroffenen Maßnahmen mindestens zu einer Erhaltung, wenn nicht sogar zu einer Verbesserung des beschriebenen Zustands im FFH-Gebiet führen müssen.

Nichts davon findet sich im verabschiedeten Leitbild wieder.

Holzernte Oktober 2021

Sinngemäß heißt es im neuen Leitbild stattdessen, dass die „Holzernte schonend für Wald und Boden unter Nutzung von Stand der Technik erfolgt“.

Wie das dann in der Praxis ausschaut, das kann jeder für sich selbst betrachten und beurteilen.

Hier ein paar aktuelle Eindrücke aus dem Nußlocher Gemeindewald, wie das Leitbild umgesetzt wird:

Diese Fläche (und weitere, nicht abgebildete Flächen) wurden tatsächlich an einem einzigen Tag von einem sogenannten Harvester (oder auch Vollernter) bearbeitet. Dabei wurde der Boden zum Teil flächig mit schwerem Gerät befahren. Viele der frisch aufgeforsteten Douglasien in diesem Bereich, die kurz zuvor von Mitarbeitern der Gemeinde zeitaufwändig freigeschnitten worden waren, wurden mit geernteten Stämmen zugedeckt.

Chancen für die Zukunft?

Leider ist durch die Verabschiedung des Leitbilds für den Nußlocher Gemeindewald zunächst nichts gewonnen.

  • Auf den besonderen Schutzstatus, der dem Wald als ausgezeichnetem FFH-Gebiet zusteht, wird nicht eingegangen.
  • Anreicherungen des Totholzvorrats sind nach wie vor unverbindlich.
  • Die ausgewiesenen Waldrefugien und Habitatbaumgruppen sind teilweise unzureichend und entsprechen nicht den Vorgaben des Landes Baden-Württemberg.
  • Das Forsteinrichtungswerk, das signifikante Einschläge auch in den alten Buchenbestand zulässt, gilt weiterhin.
  • Aufforstung durch nichtheimische Baumarten ist weiterhin vorgesehen.

Wir haben uns im Namen besorgter und verunsicherter Bürger*innen an den Bürgermeister, den Gemeinderat und den Klimarat gewandt.

Unsere Ängste lagen in den Aktionen der Vergangenheit begründet, wurden aber durch die fehlende Transparenz und das – unserer Wahrnehmung nach – Nichteinhalten von Absprachen im Prozess der Ausarbeitung des finalen Leitbilds weiter verstärkt.

Das vorliegende Ergebnis ist aus unserer Sicht schlecht.

Aus diesem Grund werden wir uns weiterhin für eine echte naturnahe Bewirtschaftung des Nußlocher Gemeindewaldes einsetzen und auf Missstände hinweisen und diese auch dokumentieren.

Möglicherweise bedarf es einer noch breiteren Öffentlichkeit, um ein echtes Umdenken in Sachen Waldbehandlung in Nußloch zu erreichen.

Unser Nußlocher Gemeindewald – ein echtes Juwel vor der Haustür – ist es uns wert – auch im Namen der uns nachfolgenden Generationen!

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