Auf Kosten der Natur: Abholzung in Schutzgebieten

Auf Kosten der Natur: In einer eindringlichen Sendung deckt Report Mainz aktuelle Missstände in Schutzgebieten nach Natura 2000 auf! Fehlende Kontrolle durch unabhängige Instanzen - das ist auch das Thema, welches uns in Nußloch nach der abgelehnten Zertifizierung nach dem Standard FSC weiter beschäftigen wird. Zu guter Letzt werfen wir einen Blick in die Region, da zur Zeit in vielen Gemeinden die jeweiligen Forstpläne verabschiedet werden.

Report Mainz hat in der Sendung vom 21.11.2023 ein Thema aufgegriffen, welches uns besonders am Herzen liegt: Wie ist es um den Naturschutz in nach Natura 2000 ausgezeichneten Schutzgebieten bestellt? Wie kann sichergestellt werden, dass die besonderen Schutzziele eingehalten werden?

Wenn es um den Naturschutz geht, dann sind die Förster in Deutschland oft ihre eigenen Kontrolleure.

Report Mainz, Sendung vom 21.11.2023

Selbst in europäischen Schutzgebieten, wo durch das Fällen von Bäumen manchmal ganze Lebensräume verschwinden können, entscheidet der Förster selbst, ob es sich um einen “erheblichen Eingriff” in die Natur handelt.

Wir sind Report Mainz sehr dankbar für diesen Beitrag, welcher die aktuellen Missstände deutlich aufzeigt und in Teilen auch auf unseren Wald übertragbar ist. Auch Prof. Pierre Ibisch und Volker Ziesling, mit dem wir schon gemeinsame Waldspaziergänge in Nußloch veranstaltet haben, sind in diesem unbedingt sehenswerten Beitrag vertreten.

Nußlocher Gemeinderat lehnt Zertifizierung nach FSC ab

Auch in der Sitzung unseres Gemeinderats am 8.11.2023 gab es eine mehrheitliche Entscheidung gegen eine Zertifizierung nach dem FSC-Standard – und damit auch gegen unabhängige Kontrollen in unserem ebenfalls nach Natura 2000 zu großen Teilen als FFH-Schutzgebiet ausgewiesenen Nußlocher Gemeindewald.

Noch frisch unter dem Eindruck der Debatte hatten wir direkt am Folgetag der Entscheidung eine kurze Stellungnahme im Video festgehalten:

Forstplanung auf der Tagesordnung der Gemeinden der Region

Wie meistens im Herbst steht in vielen Gemeinden der Region das Thema Forstplanung fürs kommende Jahr auf der Tagesordnung.

So haben wir in den letzten Wochen neben den Berichten über die Nußlocher Sitzung (Artikel nur für RNZ+-Abonnenten abrufbar) auch entsprechende Artikel über die Gemeinden Neckargemünd, Bammental, Sandhausen, Gaiberg oder Schönau in verschiedenen Ausgaben der Rhein-Neckar-Zeitung gefunden.

Meistens sind von forstlicher Seite – je nach Zuständigkeit – dieselben Akteure aktiv. Forstbezirksleiter Philipp Schweigler und der Leiter des Kreisforstamtes, Manfred Robens, halten dabei konsequent an ihrem Narrativ fest, dass Klimaschäden in nicht bewirtschafteten Wäldern höher seien als in bewirtschafteten. Auch propagieren sie konsequent den aktiven Waldumbau durch das Einbringen wärmeresistenter, nicht heimischer Baumarten. Der Buche werden – entgegen aktueller wissenschaftlicher Studien zur Anpassungsfähigkeit (Epigenetik) und der genetischen Breite – weiterhin keine Überlebenschancen eingeräumt. Stattdessen werden noch immer nordamerikanische Douglasien angepflanzt…

Einen ökologischen Ansatz in der Beratung vermissen wir zu großen Teilen.

Der PEFC-zertifizierte Wald in Bammental hat durch das Siegel kaum Einschränkungen, da diese Zertifizierung – anders als etwa FSC – keine Vorbehalte gegen fremdländische Baumarten hat.

Forstamtsleiter Manfred Robens, Gemeinderatssitzung Bammental

Teils wird der Vorzug des schwachen PEFC-Siegels ggü. der strengeren FSC-Zertifizierung hervorgehoben, da sich hierdurch mehr Handlungsspielräume für den Forst ergeben. Der viele strengere Schutzstatus, welcher durch die Auszeichnung der Waldgebiete als FFH-Schutzgebiete nach Natura 2000 bereits vorhanden ist, wird hingegen einfach ignoriert bzw. nicht erwähnt. Das Einbringen fremdländischer Baumarten gilt auch dort in der Regel als Verschlechterung des jeweiligen Lebensraumtyps.

Vertrauen in die Förster

Während sich inzwischen in den meisten Gemeinden der Region Bürger für eine andere Waldbehandlung einsetzen, ist das Vertrauen in die Bewirtschaftung der Wälder durch die Förster nach wie vor ungebrochen.

In den meisten Gemeinden werden die Pläne zur Forstswirtschaft einstimmig verabschiedet. (Ausnahme: Sandhausen, hier stimmten die vier Vertreter der GAL gegen die Planung.)

Runde Tische, Waldbeiräte oder kontinuierliche Beteiligung der Bürgerschaft oder der anerkannten Naturschutzverbände werden von Verwaltung und Gemeinderat als “nicht notwendig” erachtet (siehe Beispiel Neckargemünd).

Entsprechend selbstbewusst geben sich die Förster auf den Sitzungen wie z.B. in Neckargemünd mit Anspielung auf die dort aktive Bürgerinitiative Waldwende Neckargemünd:

Die Waldwende hat eine andere Auffassung, aber wir sind geneigt, den Expertengremien zu vertrauen.

Förster Uwe Reinhard, Gemeinderatssitzung Neckargemünd

Beispiele Gaiberg und Schönau

In Gaiberg, wo noch im Jahr 2021 ein Bürgerbegehren zum Stopp der Fällungen wegen Formfehlern als unzulässig erklärt worden war, liegt der geplante Einschlag für 2024 bei 880 Festmetern bei einer Waldfläche von 155 ha.

Dieser im Vergleich zu den Vorjahren bereits stark reduzierte Einschlag entspricht einer geplanten Entnahme von 5,67 Festmetern pro Hektar. Dieser Wert liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit deutlich höher als der in Zeiten des Klimawandels zu erwartende Holzzuwachs auf der Fläche. Die Planung ist somit alles andere als nachhaltig und beruht noch auf Annahmen des Forsteinrichtungswerks, welche nicht mehr in die Zeit passen. Einstimmig gab der Gemeinderat grünes Licht.

Noch eklatanter fällt die Rechnung in Schönau aus: 530 Festmeter geplanter Einschlag verteilen sich hier auf nicht einmal 30 Hektar – das entspricht einer geplanten Entnahme von 17,66 Festmetern pro Hektar. Auch hier wurde der Entwurf einstimmig durch den Gemeinderat abgesegnet. Schließlich steht am Ende ein kleiner Überschuss in den Büchern.

Das Prinzip der Vorsicht

Ich möchte diesen kleinen Überblick über die Entwicklungen in der Region schließen mit einem Zitat aus der Diskussionsrunde mit Lutz Fähser am 5.11.2023 am DAI Heidelberg. Dort hat er nochmal den Grundgedanken des Lübecker Modells in kurzen Sätzen zusammengefasst:

In Lübeck vertrauen wir auf systemare Eigenorganisation – die Natur reagiert permanent auf sich verändernde Parameter der Umgebung. Wir denken nicht in Einzelbaumarten, sondern in Waldökosystemen. Oder anders: Wir vertrauen nicht auf landwirtschaftliches Denken in komplexen Ökosystemen, indem wir immer wieder mal probieren, was ist besser, was ist schlechter – und damit das System in seiner Eigenentwicklung zerstören.

Dr. Lutz Fähser, DAI Heidelberg

Nach Studium der Berichterstattung über die regionalen Gemeinderatssitzungen entsteht leider der Eindruck, dass in unserer Region das “landwirtschaftliche Denken” nach wie vor vorherrscht.

In diesem Sinne wünschen wir dem Beitrag von Report Mainz eine möglichst breite Öffentlichkeit.

2 Kommentare

  1. Guten Tag,
    Ich bin die Mitinitiatorin des Protestes gegen die Abholzung im Gaiberger Wald und habe nicht vor, locker zu lassen
    Mit freundlichen Grüßen
    Heike Philipp

    • Vielen Dank, Frau Philipp – ja, ohne einen sehr langen Atem wird es leider schwer, etwas zu bewirken. Das zeigt die Erfahrung der letzten Jahre. Prima, dass Sie am Ball bleiben und nicht locker lassen!

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