Was die Oberfläche verbirgt: Rückegassen verdichten Waldboden oft über Jahrzehnte

Tiefe Spurrillen, aufgewühlter Boden, zerfurchte Wege: Was an der Oberfläche nach wenigen Jahren wieder zuwachsen kann, bleibt im Untergrund oft viel länger geschädigt. Eine neue Studie zeigt, dass Rückegassen den Waldboden selbst nach 18 Jahren noch messbar beeinträchtigen.

April 2026

Im Gemeindewald Nußloch sorgen Spurrillen, aufgewühlter Boden und zerfahrene Rückegassen seit Monaten für Diskussionen. Die Gemeinde erklärte dazu, die Gassen würden bei Bedarf teilweise wieder in Stand gesetzt.

Eine neue Studie zeigt jedoch: Eine optisch beruhigte Rückegasse ist nicht automatisch ein ökologisch erholter Boden. In der Tiefe bleiben die Folgen von Befahrung oft noch viele Jahre messbar. Ein aufmerksamer Leser unseres Blogs machte uns auf den Artikel in der Rubrik „kurz notiert“ im Magazin proWald des Deutschen Forstvereins aufmerksam, der diese Studie vorstellte.

Die Studie im Überblick

Forschende der BOKU Wien, der Agroscope Reckenholz und der KU Leuven untersuchten die langfristigen Auswirkungen von Forstmaschinenbefahrung auf Waldböden. Verglichen wurden frisch befahrene Rückegassen, 18 Jahre alte Rückegassen und ungestörte Kontrollflächen auf lehmigen Waldböden in gemäßigtem Klima. Analysiert wurden unter anderem Regenwürmer und die Bodenstruktur mithilfe von CT-Scans.

Die zentrale Aussage der Arbeit ist eine partielle Erholung: Oberflächennahe Bodenschichten regenerieren sich deutlich schneller als tiefere Schichten.

Was unmittelbar nach der Befahrung geschieht

Die Bodenporosität, also der Anteil der Hohlräume für Wasser, Luft und Wurzeln, nahm direkt nach der Befahrung stark ab:

  • In 5 cm Tiefe sank sie von 14,4 % auf 3,5 %.
  • In 15 cm Tiefe sank sie von 13,5 % auf 2,0 %.

Auch die Regenwurmpopulationen gingen in den befahrenen Bereichen deutlich zurück.

Was nach 18 Jahren noch messbar war

Nach 18 Jahren zeigte sich in der obersten Schicht eine deutliche Erholung: In 5 cm Tiefe lag die Porosität wieder bei 12,2 %. Das spricht dafür, dass sich die Oberfläche unter günstigen Bedingungen zumindest teilweise regenerieren kann.

In 15 cm Tiefe blieb die Lage deutlich schlechter:

  • Die Porosität betrug nach 18 Jahren nur 7,1 %.
  • Bioporen, Gasaustausch und Porenvernetzung waren weiterhin eingeschränkt.
  • Die Bodenstruktur zeigte in der Tiefe eine anhaltende Verdichtung.

Die Studie macht damit deutlich, dass sich die sichtbare Oberfläche und die unsichtbare Bodentiefe nach Befahrung nicht im gleichen Tempo erholen.

Was mit den Regenwürmern geschieht

Regenwürmer kehrten nach 18 Jahren teilweise zurück, jedoch nicht vollständig. Besonders stark betroffen blieben anecische Arten, also tief grabende Regenwürmer, die für Durchlüftung und Wasserversickerung wichtig sind. Auch das spricht dafür, dass die Regeneration verdichteter Waldböden sehr lange dauern kann.

Die Studie ist in Soil Biology & Biochemistry erschienen und unter 10.1016/j.soilbio.2025.109953 abrufbar.

Was das für den Gemeindewald bedeutet

Die Gemeinde beschreibt ihr Vorgehen so, dass Befahrung auf Rückegassen konzentriert und diese bei Bedarf wiederhergestellt werden. Das ist grundsätzlich ein vernünftiger Ansatz. Die Studie zeigt jedoch, dass eine geglättete oder wieder bewachsene Gasse den Bodenzustand in der Tiefe nicht automatisch zurücksetzt.

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Bodenverdichtung die Luft- und Wasserleitfähigkeit des Bodens vermindert und nasse Böden besonders empfindlich sind. Für den Wald heißt das: Bodenschutz entscheidet sich nicht nur an der sichtbaren Oberfläche, sondern vor allem an den Bedingungen zum Zeitpunkt der Befahrung.

Warum nasse Böden problematisch sind

Je feuchter ein Boden ist, desto geringer ist in der Regel seine Tragfähigkeit. Deshalb gilt bei der Holzernte: Nur bei tragfähigen Bodenverhältnissen sollte befahren werden. Tiefe Spurrillen können ein Hinweis auf hohe Belastungen sein; aus einem Foto allein lässt sich die genaue Ursache aber nicht sicher ableiten.

FFH-Gebiet und Vorsorge

Der Nußlocher Gemeindewald liegt zu großen Teilen im FFH-Gebiet. Dort ist der Boden nicht nur Produktionsgrundlage, sondern Teil des geschützten Lebensraums. Bodenschäden, die Wasserhaushalt, Belüftung und Bodenleben langfristig beeinträchtigen, sollten deshalb besonders sorgfältig bewertet und dokumentiert werden.

Gelbbauchunke und Rückegassen

In der Gemeindeantwort wird auch darauf hingewiesen, dass Fahrspuren in Rückegassen zeitweise Laichhabitate für Amphibien wie die Gelbbauchunke bilden können. Dieses Argument ist grundsätzlich nachvollziehbar und kann im Einzelfall naturschutzfachlich relevant sein.

Es bleibt jedoch dabei: Ein möglicher Nutzen für Amphibien sagt nichts darüber aus, wie stark der Unterboden verdichtet ist. Oberflächliche Laichgewässer und tiefere Bodenveränderungen sind unterschiedliche Themen und sollten getrennt beurteilt werden.

Was wir für sinnvoll halten

Aus der Forschung und den allgemeinen Bodenschutzgrundsätzen lassen sich für den Gemeindewald aus unserer Sicht folgende Anforderungen ableiten:

  1. Befahrung nur bei tragfähigen Bodenverhältnissen. Nasse oder offensichtlich wenig tragfähige Böden sollten nicht befahren werden.
  2. Konsequente Nutzung fester Rückegassennetze. Befahrung sollte auf dauerhaft festgelegte, markierte Linien beschränkt bleiben.
  3. Dokumentation von Witterung und Maßnahmen. Zeitpunkt, Bodenverhältnisse, Befahrung und etwaige Instandsetzungen sollten nachvollziehbar dokumentiert werden.
  4. Ein transparentes Bodenschutzkonzept. Eine allgemeine Formulierung wie „bei Bedarf wiederherstellen“ genügt aus unserer Sicht nicht, wenn es um einen so langlebigen Bodeneingriff geht.

Fazit

Der Waldboden erfüllt zentrale Funktionen für Wasserhaushalt, Nährstoffkreislauf, Wurzelraum und Bodenleben. Verdichtung kann diese Funktionen beeinträchtigen und ihre Folgen können lange anhalten.

Die neue Studie zeigt vor allem, dass sich eine befahrene Rückegasse oberflächlich zwar teilweise erholen kann, tiefere Bodenschichten aber deutlich länger belastet bleiben. Für den Umgang mit dem Gemeindewald ist deshalb nicht nur entscheidend, wie eine Fläche aussieht, sondern wie ihr Boden aufgebaut ist und unter welchen Bedingungen er befahren wurde.

Der vorsorgende Bodenschutz sollte deshalb ein fester Bestandteil jeder Holzerntemaßnahme sein.

Quellen

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