Rückblick aufs Jahr 2022

Was war, was wird - ein zweites Zwischenfazit unserer Bürgerinitiative, in der wir das Jahr 2022 Revue passieren lassen und einen Ausblick auf das Jahr 2023 geben.

Im Frühjahr 2021 hat sich unsere Bürgerinitiative Waldvision Nußloch als Zusammenschluss mehrerer Bürger*innen formiert.

Verbindendes Element war die gemeinsame Sorge um den Nußlocher Gemeindewald in Zeiten des Klimawandels und die Angst, dass eine möglicherweise nicht angemessene Bewirtschaftung des Waldes zu einer Verstärkung der Folgen des Klimawandels führt, anstatt ihnen entgegenzuwirken.

Baumkante am Distrikt Buchwald – uns erinnert die Kulisse an einen „zahnlosen Tiger“.

Ausgelöst wurde diese Sorge durch forstwirtschaftliche Maßnahmen, die allen Besucher*innen des Waldes unmittelbar ins Auge fielen. Als abschreckendes Beispiel sei hier exemplarisch der Distrikt „Buchwald“ genannt, aber auch der großflächige Buchenkahlschlag entlang des Wieslocher Wegs hat für viel Entsetzen gesorgt.

Das zweite Jahr

Waren wir erfolgreich in unserem Tun? Eine Antwort auf diese Frage hängt wohl stark vom Auge des Betrachters ab. Gerne wollen wir das zweite Jahr unserer Bürgerinitiative Revue passieren lassen.

Höhepunkte

Auch im Jahr 2022 haben wir über unsere Webseite kontinuierlich zum Thema Wald, zu wissenschaftlichen Studien und forstlichen Vorgehensweisen in Nußloch informiert.

Insgesamt 41 Artikel haben wir im Kalenderjahr 2022 auf unserer Webseite veröffentlicht, und damit sogar einen mehr als im Jahr 2021. In einem bunten Mix aus Information, offenen Briefen, Berichterstattung und Videobeiträgen haben wir dabei die forstwirtschaftlichen Maßnahmen im Nußlocher Wald weiterhin kritisch begleitet.

Veranstaltungen

Ein Höhepunkt des Jahres war sicherlich der Waldspaziergang am 12.3.2022, zu dem wir die interessierte Bevölkerung Nußlochs eingeladen hatten. Mehr als 100 Gäste waren der Einladung gefolgt, nachdem die Veranstaltung sturmbedingt zunächst verlegt werden musste.

Foto: Nicole Burhenne

Neben Forstwissenschaftler Volker Ziesling waren auch Vertreter unseres zuständigen Forstamts, der Gemeindeverwaltung und etliche Gemeinderäte mit am Start.

Mitunter ging es recht hitzig zu in den Diskussionen, aber alle Seiten hatten Gelegenheit, ihre Positionen deutlich zu machen.

Den Spaziergang haben wir auf unserer Webseite in einem Artikel und einem kurzen Video zusammengefasst.

1. Heidelberger Waldforum

Im Oktober fand außerdem das 1. Heidelberger Waldforum statt, auf dem wir unsere Bürgerinitiative kurz vorstellen durften. Auf dieser durchaus gelungenen Veranstaltung wurde viel über die Zukunft und Behandlung des Waldes diskutiert.

Dr. Lutz Fähser
Dr. Lutz Fähser spricht auf dem 1. Heidelberg Waldforum
Volker Ziesling war maßgeblich an der Organisation der Veranstaltung beteiligt und trug auch selbst vor
Waldsymposium „Waldwärts“

Das hochkarätig besetzte Waldsymposium „Waldwärts“ der Klima Arena Sinsheim, auf dem wir ebenfalls mit einem Vortrag zum Thema „Wie nachhaltig ist die Holzwirtschaft?“ vertreten waren, zählt aus unserer Sicht ebenfalls zu den Höhepunkten.

Schade, dass die Veranstaltung insgesamt nicht so gut besucht war. Immerhin waren mit Prof. Dr. Hans Jürgen Böhmer, Dr. Torsten Welle, Dr. Jonas Franke und Prof. Dr. Jürgen Bauhus einige erstklassige Wissensträger am Start, um nur einige der Vortragenden exemplarisch zu nennen.

Unsere Sprecherin, Dr. Gerlind Wallon, trägt in der Klima Arena Sinsheim vor

Petition

In Vorbereitung auf den Waldspaziergang hatten wir außerdem eine Online-Petition „Schützt den Nußlocher Gemeindewald“ initiiert.

Bis zur Übergabe der Petition an Bürgermeister und Gemeinderat im November 2022 konnten wir insgesamt 1.067 Petenten gewinnen, von denen mindestens 12% aus Nußloch oder Maisbach stammen. Mehr als 20% stammen aus der unmittelbaren Umgebung von Nußloch.

Nußlocher Bürgerinnen und Bürger sind weiterhin herzlich eingeladen, die Petition zu unterzeichnen.

Wichtige Artikel

Auch im Jahr 2022 haben wir sehr viel Energie und Zeit investiert, um Aussagen und Totschlagargumente unserer Förster und auch unseres Bürgermeisters kritisch zu hinterfragen.

Zwei Veröffentlichungen aus dem Jahr 2022 wollen wir an dieser Stelle noch einmal hervorheben.

  • Im Artikel rund um die Malm-Kommode antwortet unsere Sprecherin Gerlind Wallon auf einen offenen Brief des Bürgermeisters an die Gemeinde, den er über die Rathaus-Rundschau verbreiten ließ.
  • Bei „Nachgemessen“ handelt es sich um einen weiteren Faktencheck, inwieweit sich ein Kahlschlag an einem Nordhang im Wald auf die Temperaturentwicklung auswirkt.

Da wir inzwischen eine große Anzahl an gut recherchierten Artikeln von allgemeiner Gültigkeit erstellt haben, gibt es seit Ende letzten Jahres eine eigene Rubrik Waldwissen auf unserer Webseite. Damit sind diese Artikel einfacher auffindbar.

Gäste

Besonders haben wir uns über einige Besucher von auswärts gefreut, die uns mit ihrer Expertise, Rat und Tat zur Seite gestanden haben.

Über drei Besuche(r) (neben dem bereits angesprochenen Volker Ziesling) haben wir uns besonders gefreut.

Gesche Jürgens von Greenpeace
Gesche Jürgens (links) zeigte sich erschüttert ob der Fällung dieses alten Habitatbaumes mit Höhlenstrukturen

Bereits im Februar hatten wir Gesche Jürgens von Greenpeace zu Gast in unserem Wald.

Ihr Fazit fiel ein wenig ernüchternd aus: Schutzgebiete schützen nicht, wie man u.a. am Beispiel des Nußlocher Gemeindewaldes erkennen kann.

Die erkannten Verstöße gegen den rechtsverbindlichen FFH-Managementplan für unseren Wald mündeten schließlich in einem aus unserer Sicht beschämenden Rechtsgutachten erstellt von Frau Dr. Conrnelia Ziehm.

Markus Schrade, Pflanzenkundler aus Mannheim

Im Mai besuchte der Mannheimer Pflanzenkundler Markus Schrade unseren Wald.

Neben seltenen Orchideenarten hat er auch viele weitere botanische Besonderheiten vorgefunden, von denen er in einem Gastbeitrag auf unserer Seite berichtet hat.

Dr. Lutz Fähser, Forstdirektor im Ruhestand und Begründer des „Lübecker Modells“
Lutz Fähser im Nußlocher Gemeindewald
Dr. Lutz Fähser zu Gast im Nußlocher Gemeindewald

Ein weiterer Höhepunkt war für uns der Besuch von Dr. Lutz Fähser. Im Oktober hat sich der Begründer des Lübecker Modells mehr als drei Stunden Zeit genommen, um sich einen Eindruck von unserem Wald zu verschaffen und Vorgehensweisen basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Praxis zu empfehlen.

Den Besuch von Lutz Fähser haben wir in drei sehr sehenswerten Videos festgehalten. Am Ende des letzten Teils richtet er einen eindringlichen Appell an die Entscheider in Nußloch, unseren wunderbaren und besonderen Waldmeister-Buchenwald nicht fahrlässig zu zerstören.

Leitbild

Zu den Höhepunkten des Jahres zählen wir auch die Verabschiedung eines überarbeiteten Leitbilds Klimastabiler, naturnaher Wald.

Auch wenn das Leitbild an mancher Stelle noch Verbesserungspotenzial besitzt, ist diese Version aus unserer Sicht um Welten besser als die erste Version, die im Jahr 2021 vom Gemeinderat beschlossen worden war.

Wir haben uns gefreut, dass nach unserem Waldspaziergang im März zunächst wieder Gespräche mit Bürgermeister und Verwaltung stattgefunden haben, bevor die neue Version dann zur weiteren Beratung an den AK Forst übergeben wurde.

Unser Wald im Nebel
Unser Waldmeister-Buchenwald verzaubert im Herbst mit besonderen Stimmungen

…und leider auch wieder Tiefpunkte

Wie schon im letzten Jahr haben wir keine Bereitschaft seitens des Großteils des Gemeinderates erkennen können, eine neutrale ökologische Beratung in Anspruch zu nehmen, um sich ausgewogen über die mögliche Behandlung unseres Waldes zu informieren.

Verabschiedung des Forstwirtschaftsplans am 9.11.2022

In einem Brief hatten wir die gewählten Vertreter der Nußlocher Bürgerschaft an ihre Pflicht erinnert, verantwortungsvoll mit unserem Naturerbe umzugehen und den Nußlocher Gemeindewald auch kommenden Generationen zu erhalten. Die Beschlussvorlagen für den kommenden Forstwirtschaftsplan sahen unter anderem vor, das neu zu beschließende Leitbild unmittelbar wieder auszusetzen, sollte der Bedarf der Nußlocher Brennholzkunden einen größeren Einschlag nötig machen.

Alle unsere Vorschläge und Bedenken wurden in der Gemeinderatssitzung vom 9.11.2023 vollständig ignoriert, alle Beschlussvorlagen wurden – wie so oft – größtenteils einstimmig durchgewunken.

Der Gemeinderat stellte in seinen Entscheidungen die Interessen der Brennholzkunden – nach unseren Berechnungen ca. 100 – über die Interessen aller anderen Bürgerinnen und Bürger Nußlochs.

Weder die vermutlich dauerhafte Zerstörung unseres Waldes – wenigstens in Abschnitten – noch die zunehmende Belastung durch Feinstaub führte zu einem Umdenken.

Als Reaktion übergaben wir dann schließlich in der Gemeinderatssitzung vom 30.11.2023 doch noch die bereits angesprochene Petition, die wir bis zu diesem Zeitpunkt zurückgehalten hatten. Schließlich wollten wir den Erfolg der wieder aufgenommenen Gespräche, die letztlich im überarbeiteten Leitbild mündeten, nicht gefährden.

Bürgermeister wirbt um Vertrauen

In diesem Zusammenhang warb unser Bürgermeister um Vertrauen, dass das, was beschlossen wurde, durchaus nicht zur Umsetzung kommen müsse.

Sollten die Schadholzmengen (zufällige Nutzung) ausreichen, müsse zum Beispiel der von uns besonders kritisierte Einschlag in Gebiet 9 gar nicht oder nur in verminderter Stärke durchgeführt werden.

In diesem Sinne haben wir noch Hoffnung, auch wenn die Beschlüsse Tür und Tor für eine dem Wald nicht zuträgliche Behandlung öffnen.

(Dass eine Obergrenze für den Einschlag festgelegt wird mutet aus unserer Sicht absurd an, wenn gleichzeitig keine Anrechnung des Holzes aus der sogenannten zufälligen Nutzung (Schadholz und Verkehrssicherung) passiert.)

Traditionelle Haushaltsreden der Fraktionen am 14.12.2022

In der Gemeinderatssitzung vom 14.12. wurden schließlich die traditionellen Haushaltsreden der Fraktionen vorgetragen. Wir waren besonders gespannt, ob/wie die Fraktionen Stellung zur in der letzten Sitzung vom 30.11.2022 übergebenen Petition nehmen würden.

Insgesamt mal wieder eine sehr ernüchternde Erfahrung:

  • Die CDU zeigte sich sehr zufrieden mit der neu erarbeiteten Version des Leitbilds und bestätigte das vom Forst verbreitete, wissenschaftlich aber nicht erwiesene Narrativ, dass die Buchen in unserem Wald nicht mehr zukunftsfähig seien und der Wald deshalb umgebaut werden müsse.
  • Die Grünen-Fraktion stellte fest, dass die Oberziele im neuen Leitbild ggfs. priorisiert werden müssten; dass man außerdem herausfinden müsse, wieviel Holz man entnehmen kann, ohne den Wald nachhaltig zu schädigen; und dass schließlich das leidige Thema der Verkehrssicherung endgültig geklärt werden müsse.
  • Wie schon im Vorjahr befand die Fraktion FDP/Bürger für Nußloch das Thema Gemeindewald nicht erwähnenswert und sparte es aus.
  • Die SPD schließlich zeigte sich sehr zufrieden mit der Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung aller Fakten und vor allem mit der Tatsache, dass die Bereitstellung von Brennholz sichergestellt sei.

FSC-Zertifizierung

Auf Antrag der Fraktion Bündnis ’90/Die Grünen wurden für 2022 Mittel in den Haushalt eingestellt, um eine höherwertige Zertifizierung (FSC) des Nußlocher Gemeindewalds auf den Weg zu bringen. Geplant war, die Zertifizierung bereits im Jahr 2022 abzuschließen.

Hier hat sich in unserer Wahrnehmung leider nicht viel getan. Zwar wurde die Zertifizierung seitens der Gemeinde beantragt, passiert ist allerdings noch nichts. Wir hoffen, dass das Thema 2023 zügig vorangehen wird und dass unsere Bürgerinitiative – wie in Aussicht gestellt – als Stakeholder vom Zertifizierer befragt werden wird.

Ausbreitung von Neophyten

Im Jahr 2022 mussten wir erstmals ein Vorkommen des Japanischen Staudenknöterichs sowie der Kermesbeere zur Kenntnis nehmen.

Diese Neophyten gelten als Anzeiger von Störungen im Waldökosystem und stellen – falls sie nicht rechtzeitig bekämpft werden – eine unmittelbare Gefahr für die heimische Vegetation dar.

Beide Pflanzen traten in Abschnitten auf, bei denen wir im Vorfeld die forstlichen Maßnahmen kritisiert hatten.

Zumindest bei der Kermesbeere signalisierte das Forstamt Problembewusstsein und wollte aktiv werden. Leider wurden die Pflanzen bislang noch immer nicht wie versprochen ausgegraben. Lediglich die oberirdischen Blütenstände wurden entfernt.

Japanischer Knöterich

Domino-Effekt entlang des Wieslocher Wegs

Der bereits im Jahr 2021 befürchtete Domino-Effekt hat sich in diesem Jahr materialisiert. Entlang des Wieslocher Wegs leiden etliche weitere Buchen unter Sonnenbrand, nachdem sie in den Vorjahren im Zuge von Schirmschlägen freigestellt worden sind.

Die Schattbaumart Buche ist auf den Schatten der umstehenden Bäume angewiesen, um im fortschreitenden Klimawandel bestehen zu können. Stattdessen wurde in unserem Wald zu einer weiteren Schwächung der typischen Baumart Buche beigetragen, und wir finden nur noch vereinzelt alte Bäume mit einem Alter größer 160 Jahre, die für unseren Wald so wertvoll wären.

Umgang mit den Vertretern der Bürgerinitiative

Die Rückmeldungen der Vertreter des Gemeinderats in unsere Richtung – insbesondere in den Gemeinderatssitzungen – fanden wir auch in diesem Jahr insgesamt wenig wertschätzend. Zwar wünschen sich einige Fraktionen mehr Bürgerbeteiligung, verschrecken durch ihr Verhalten allerdings diejenigen, die sich tatsächlich einbringen wollen.

Man braucht schon ein sehr dickes Fell und viel Leidensfähigkeit, um hier nicht aufzugeben.

Ausblick 2023

Wie geht es weiter im neuen Jahr? Wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken und weiter unseren Beitrag leisten für den Schutz des Nußlocher Gemeindewaldes.

Die Zahl unserer Newsletter-Abonennten wächst stetig an, und auch unsere Präsenzen auf Facebook, YouTube und Instagram erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Seit Ende letzten Jahres sind wir außerdem auf LinkedIn zu finden.

Wir bedanken uns bei allen Unterstützer*innen und laden alle Waldinteressierten ein, uns auf unserer weiteren Reise zu begleiten. Es gibt noch viel zu tun, und noch ist nicht alles verloren!

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