Wenn der Wald sich selbst heilt: Was Darmstadt uns lehrt

Der Darmstädter Westwald erholt sich schneller als erwartet – ganz ohne forstliche Eingriffe. Was das für den Nußlocher Gemeindewald bedeutet.

Eine Leserin hat uns auf einen Bericht der Hessenschau aufmerksam gemacht – und wir danken ihr herzlich dafür. Was Forscher der TU Darmstadt im Westwald beobachten, bestätigt das, wofür wir uns in Nußloch einsetzen.

„Lass den Wald mal machen“ – Forscher der TU Darmstadt sind positiv überrascht

Der Darmstädter Westwald hat schwere Jahre hinter sich. Die Dürrejahre 2018 und 2019 haben dem sandigen Boden besonders zugesetzt: abgestorbene Bäume, ausgedehnte Grasflächen, stellenweise mehr Steppe als Wald. Die Prognosen waren düster.

Und doch: Sieben Jahre später steht man wieder im dichten Unterwuchs, mit Bäumen, die teils schon vier Meter in die Höhe wachsen. Katja Wehner von der TU Darmstadt, die das zugehörige Forschungsprojekt leitet, sagt es schlicht: „Wir sind positiv überrascht.“ Ihr Kollege, Ökologie-Professor Nico Blüthgen, zieht eine Schlussfolgerung, die wie ein Kompass klingt: „Lass den Wald mal machen.“

Der Westwald erholt sich — nicht wegen intensiver forstlicher Eingriffe, sondern weil die Stadt Darmstadt 2020 beschlossen hat, auf Erntemaßnahmen zu verzichten und den Wald seinen eigenen Prozessen zu überlassen. Blüthgen beschreibt, was er beobachtet: ein Ökosystem, das sich angesichts des Klimawandels nach dem Trial-and-Error-Prinzip neu aufstellt. Ein alter Wald stirbt, ein neuer entsteht.

Den vollständigen Bericht der Hessenschau findet ihr hier.

Darmstadt als Vorbild – kein neues Thema für uns

Darmstadt ist für Waldvision Nußloch keine unbekannte Stadt. Wir haben mehrfach auf das Darmstädter Modell hingewiesen, weil es zeigt, was möglich ist, wenn Bürger, Wissenschaft und Kommunalpolitik an einem Strang ziehen.

Im Jahr 2023 wurde die Stadt vom NABU mit der Waldmedaille ausgezeichnet – für ihren zukunftsweisenden Umgang mit dem kommunalen Wald. Grundlage ist ein Leitbild, das in einem „Runden Tisch für den Wald“ unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger erarbeitet wurde. Auch Dr. Lutz Fähser, Begründer des Lübecker Modells der naturnahen Waldnutzung, war als Berater beteiligt. Wir haben darüber in unserem Artikel „Darmstadt und die NABU-Waldmedaille“ berichtet.

Dr. Fähser war auch direkt in Nußloch zu Gast: Im Oktober 2022 besuchte er auf Einladung unserer Bürgerinitiative den Gemeindewald und nahm sich fast drei Stunden Zeit für einen ausführlichen Spaziergang – sein Fazit haben wir im Video dokumentiert. Im April 2023 kehrte er zurück: Gemeinsam mit den Ortsverbänden Leimen, Nußloch und Sandhausen von Bündnis 90/Die Grünen luden wir zum Vortrag „Strategien der Waldbehandlung“ ins Evangelische Gemeindehaus ein – mit dem anschließend veröffentlichten Video als bleibende Nachbereitung. Überregional war Fähser dann beim Vortrag im DAI Heidelberg im November 2023 und beim Heidelberger Waldsymposium 2024 präsent – und hat dabei immer wieder deutlich gemacht, dass ein Wald, den man lässt, überraschend viel kann.

Was das für den Nußlocher Gemeindewald bedeutet

Die Erkenntnisse aus Darmstadt sind kein Sonderfall. Sie bestätigen, was die Wissenschaft zunehmend deutlich zeigt: Wälder verfügen über erhebliche Selbstheilungskräfte – vorausgesetzt, man lässt sie wirken.

Genau das steht im Widerspruch zu einer Forstwirtschaft, die auf aktiven Waldumbau durch nicht-heimische Baumarten, intensive Holzentnahme und schwere Maschineneinsätze setzt. Wie problematisch dieser Ansatz ist, haben wir bereits in unserem Artikel „Aktiver Waldumbau – die richtige Strategie?“ beleuchtet.

Auch das Lübecker Konzept der naturnahen Waldnutzung, das in Darmstadt als Orientierung diente, zeigt: Naturnahe Waldentwicklung ist kein Nischenmodell, sondern eine wissenschaftlich belegte Alternative, die in der Praxis funktioniert.

Was Darmstadt zeigt, ist kein Einzelfall – sondern Teil eines wachsenden wissenschaftlichen Konsenses: Wälder brauchen keinen aktiven Umbau, sondern Schutz vor weiteren Störungen und die Freiheit, sich zu regenerieren. Für den Nußlocher Gemeindewald bleibt das eine offene Aufgabe.


Hast du einen Artikel, eine Studie oder einen Bericht entdeckt, der für unsere Arbeit relevant sein könnte? Wir freuen uns über Hinweise – wie von der Leserin, die uns auf den Hessenschau-Beitrag aufmerksam gemacht hat.

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