Sterbende Buchen im Gemeindewald: Was im RNZ-Bericht fehlt

Die RNZ berichtet über schwere Schäden an den Buchen im Nußlocher Wald und nennt den Hitzesommer als Ursache. Die Vorgeschichte des Waldes kommt dabei nicht vor. Unsere Einordnung vor der Gemeinderatssitzung am 4. November.

Am vergangenen Wochenende hat die Rhein-Neckar-Zeitung (Ausgabe vom 24./25.10.2026, Seite 3) ausführlich über den Zustand des Gemeindewalds von Nußloch und Leimen berichtet. Forstbezirksleiter Philipp Schweigler und Revierförster Markus Reinhard hatten die Zeitung zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen. Ihr Befund ist bedrückend. Viele Buchen tragen schon seit dem Hochsommer braunes Laub, und eine knapp 200 Jahre alte Buche wird nach Einschätzung der Förster das nächste Jahr nicht überleben.

Wir nehmen diese Schäden sehr ernst. Auch uns tut es weh, in diesen Wochen durch unseren Wald zu gehen und die braunen Kronen zu sehen. Dass der Hitzesommer 2026 dem Wald schwer zugesetzt hat, bestreitet niemand.

Trotzdem fehlt in dem Artikel ein wichtiger Teil der Geschichte. Und das zehn Tage vor der Gemeinderatssitzung am 4. November, in der über die Holznutzung der kommenden Saison beraten wird.

Eine Buche, älter als die Eisenbahn in Baden

Die Buche, auf die Philipp Schweigler im Artikel zeigt, stand schon hier, als 1840 der erste Zug zwischen Mannheim und Heidelberg fuhr. Sie hat in fast zwei Jahrhunderten etliche Trockenjahre und Stürme überstanden. Noch zu Beginn dieses Sommers war sie nach Aussage des Försters ein dominanter und vitaler Baum.

Warum stirbt ein solcher Baum ausgerechnet jetzt? Im RNZ-Artikel wird die Antwort mit Hitze und Trockenheit gegeben, verstärkt durch die steinigen und sandigen Böden im Westen des Waldes. Das ist sicher ein Teil der Wahrheit. Über die Bewirtschaftung der letzten Jahre erfährt man in dem Artikel allerdings kein Wort.

Ein Satz, der uns aufhorchen lässt

Beim Lesen ist uns ein Satz von Philipp Schweigler besonders aufgefallen. Er erklärt, warum man den Wald im Sommer leicht als kühl wahrnimmt, obwohl die Bäume leiden. Sie wachsen dem Licht entgegen und können sich selbst keinen Schatten spenden. Wörtlich: „Die Kronen sind der Sonne ausgeliefert.“

Genau davor warnen wir seit Jahren. Die Buche ist eine Schattbaumart. In einem geschlossenen Bestand schützen sich die Bäume gegenseitig, und das Waldinnenklima bleibt kühler und feuchter. Wird ein Bestand aufgelichtet, trifft die Sonne ungebremst auf Kronen und Stämme, die das nicht gewohnt sind. Was ist die Folge? Die Rinde bekommt Sonnenbrand, reißt auf, und Pilze und Insekten haben leichtes Spiel.

Der Domino-Effekt am Wieslocher Weg

Wer den Nußlocher Wald seit einigen Jahren begleitet, kennt diese Entwicklung. Ein Blick zurück:

  • 2020/2021: Nach den Dürrejahren wird entlang des Wieslocher Wegs großflächig eingeschlagen. Der Buchenkahlschlag sorgt bei vielen Nußlocherinnen und Nußlochern für Entsetzen.
  • Juni 2021: In einem Leserbrief an die RNZ beschreiben wir, was wir befürchten: Wenn kranke Bäume entnommen werden, wird das Blätterdach immer lichter, Sonne und Hitze treffen ungehindert auf die verbliebenen Bäume, und im nächsten Jahr werden die nächsten gefällt. Wir nannten das damals einen Domino-Effekt.
  • 2022: Der Domino-Effekt tritt ein. Entlang des Wieslocher Wegs leiden etliche weitere Buchen unter Sonnenbrand, nachdem sie im Zuge von Schirmschlägen freigestellt worden waren.
  • 2023: Der Schirmschlag entlang des Wieslocher Wegs wird erweitert, weitere alte Bäume werden entnommen.
  • 2025: Auch der reduzierte Einschlag hinterlässt deutliche Spuren. Viele der wenigen alten Bäume werden aus Abschnitten entfernt, die ohnehin schon stark aufgelichtet sind.
  • 2026: Die RNZ berichtet über sterbende Buchen. Als Ursache wird der Hitzesommer genannt.

Uns geht es dabei nicht um Schuldzuweisungen. Wir wünschen uns aber, dass diese Vorgeschichte in die Bewertung einfließt. Wer die Ursachen allein in Hitze und Trockenheit sucht, wird im nächsten Jahr dieselben Entscheidungen treffen wie in den letzten Jahren.

Was die Forschung dazu sagt

Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt hat die Buchenschäden nach 2018 untersucht. Zuerst betroffen waren nach ihren Beobachtungen Buchen, die durch starke forstliche Eingriffe oder Windwürfe freigestellt worden waren. Ebenfalls besonders gefährdet sind Bäume an südexponierten Hängen und auf flachgründigen Böden. Die Bodenkarte der Förster und unsere Beobachtungen widersprechen sich also nicht. Beides wirkt zusammen.

Forschende der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde haben in den Extremsommern 2018 und 2019 gemessen, dass ein stärkerer Holzeinschlag die Höchsttemperaturen im Wald steigen lässt. Ihr Fazit: Wer einen Wald bewirtschaftet, hat zu einem guten Teil selbst in der Hand, wie stark er sich aufheizt. Wir haben das 2022 im Kleinen auch in Nußloch nachgemessen.

Der Vollständigkeit halber: Ganz einig ist sich die Wissenschaft nicht. Auswertungen aus hessischen Naturwaldreservaten haben keinen signifikanten Einfluss von Hiebsmaßnahmen auf die Sterblichkeit der Buche gefunden. Die Frage, ob man Buchenbestände dicht halten oder stärker durchforsten sollte, wird in der Forstwissenschaft kontrovers diskutiert. Gerade deshalb halten wir es für falsch, die Bewirtschaftung als mögliche Ursache in der öffentlichen Darstellung ganz auszublenden.

Früher Laubfall ist kein Todesurteil

Bemerkenswert ist ein zweiter Artikel, der in derselben RNZ-Ausgabe erschienen ist. Darin erklärt Manfred Robens, Leiter des Kreisforstamts, dass früher Laubfall und frühzeitige Verfärbungen nicht automatisch bedeuten, dass ein Baum stirbt. Oft versuche der Baum damit, Wasser zu sparen und sich an schwierige Bedingungen anzupassen.

Das sollte vor jeder Fällentscheidung bedacht werden. Ob eine Buche wieder austreibt, zeigt sich im Frühjahr. Eine Buche, die im Winter gefällt wird, hat diese Chance nicht mehr. Und wenn nach Einschätzung der Förster vor allem jüngere Buchen Hoffnung auf Erholung haben, sollten gerade diese Bäume jetzt nicht durch weitere Auflichtungen geschwächt werden.

Verkehrssicherung: Im Wald gelten andere Regeln

Eine Aussage aus dem RNZ-Artikel begrüßen wir ausdrücklich. Nicht alle absterbenden Bäume sollen gefällt werden, sondern nur diejenigen, die beim nächsten Sturm auf Straßen oder Bebauung fallen könnten. Einige Bäume sind als Habitatbäume ausgewiesen und bleiben stehen. Daran werden wir die Verantwortlichen gerne erinnern.

Die Rechtslage ist hier eindeutig. Bereits 2012 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Waldbesitzer für waldtypische Gefahren grundsätzlich nicht haften (BGH, Urteil vom 2.10.2012, VI ZR 311/11). Im September 2023 hat der BGH ein Urteil rechtskräftig werden lassen, nach dem Waldbesucher auch auf touristisch beworbenen Wanderwegen mit waldtypischen Gefahren rechnen müssen (VI ZR 357/21). Und seit November 2025 stellt der neu gefasste § 37 Landeswaldgesetz klar, dass auch das Verweilen auf Bänken oder an Infotafeln im Wald auf eigene Gefahr geschieht.

Entlang von Straßen und angrenzender Wohnbebauung gelten strengere Pflichten. Das stellen wir nicht in Frage. Im Inneren des Waldes gibt es aber keinen rechtlichen Grund, abgestorbene Buchen zu fällen und abzutransportieren. Stehendes Totholz spendet den Nachbarbäumen weiter Schatten und ist Lebensraum für Spechte, Fledermäuse und unzählige Insekten. Für einen Wald, der als FFH-Gebiet mit dem Schutzziel Waldmeister-Buchenwald ausgewiesen ist, sollte das selbstverständlich sein.

Was am 4. November auf dem Spiel steht

Stand heute (26.10.2026) sind die Beschlussvorlagen für die Sitzung am 4. November noch nicht im Ratsinformationssystem der Gemeinde verfügbar. Welche Maßnahmen geplant sind, wissen wir deshalb nicht. Für die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte bleibt damit wenig Zeit, sich vorzubereiten, und die Öffentlichkeit erfährt erst kurz vor der Sitzung, worüber entschieden werden soll.

Bei der Zwischenrevision 2024 wurde der geplante Einschlag von 2.100 auf 1.200 Festmeter pro Jahr gesenkt. Das war ein guter Schritt. Laut Leitbild kommt die sogenannte zufällige Nutzung, also Schadholz und Fällungen zur Verkehrssicherung, allerdings zusätzlich zu diesen 1.200 Festmetern hinzu. Nach dem Bericht in der RNZ ist zu befürchten, dass gerade in diesem Jahr viel Schadholz anfällt. Wir wünschen uns deshalb, dass es in der aktuellen Planung auf die Gesamtmenge angerechnet wird.

An unseren Gemeinderat

Liebe Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, Sie entscheiden am 4. November über einen Wald, der älter ist als jeder von uns und hoffentlich auch unsere Enkel noch erfreuen wird. Eine 200 Jahre alte Buche lässt sich nicht nachpflanzen. Was jetzt gefällt wird, fehlt für Generationen. Wir bitten Sie deshalb:

  • Geschädigte Buchen im Bestandsinneren nicht vorsorglich zu fällen, sondern den Austrieb im Frühjahr abzuwarten.
  • Fällungen aus Gründen der Verkehrssicherung auf Straßen und angrenzende Bebauung zu beschränken und jeden Einzelfall nachvollziehbar zu begründen.
  • Abgestorbene Bäume abseits dieser Bereiche im Wald stehen zu lassen.
  • In den alten Buchenbeständen auf weitere Auflichtungen zu verzichten.
  • Schadholz auf die beschlossene Einschlagsmenge anzurechnen und die geplanten Mengen offenzulegen.
  • Vor der Entscheidung auch unabhängige Fachleute anzuhören, etwa von NABU oder BUND.

Revierförster Markus Reinhard hat im Artikel gesagt, hier werde immer Wald sein, aber ein anderer. Wie dieser Wald aussieht, bestimmen Hitze und Trockenheit nicht allein. Einen Teil davon haben die Verantwortlichen im Rathaus in den nächsten Jahren selbst in der Hand.

Kommen Sie zur Sitzung! Die öffentliche Gemeinderatssitzung beginnt am 4. November um 19:00 Uhr im Ratssaal des Nußlocher Rathauses. Je mehr Bürgerinnen und Bürger zeigen, dass ihnen der Gemeindewald am Herzen liegt, desto schwerer lässt sich das übergehen.

Quellen:

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen hervorragenden, fundierten Beitrag und eure wichtige Arbeit für den Wald!
    Es ist schlicht ein Unding, wie die Forstwirtschaft die massiven Folgen ihrer eigenen Eingriffe und Auflichtungen unter den Teppich kehrt und sich in der öffentlichen Darstellung dennoch reflexartig als überlegen inszeniert.
    Nach diesem extremen Hitzesommer wäre ein sofortiger Einschlagstopp das einzig Richtige und Verantwortungsbewusste!

    Ihr habt mit eurer Analyse absolut recht: Der frühe Laubabwurf ist in erster Linie ein natürlicher und hochwirksamer Schutzmechanismus der Buchen. Dass die Bäume braune und eben keine grünen Blätter abgeworfen haben, ist dabei sogar ein gutes Zeichen, da es sich um einen geordneten Abwurf handelte, bei dem die wertvollen Reservestoffe zuvor noch in den Stamm zurückgezogen wurden.
    Es ist jetzt absolut unerlässlich, erst einmal abzuwarten, wie die Bäume im kommenden Frühjahr wieder austreiben, anstatt voreilig weitere Schäden anzurichten.

    Genau das wurde auch erst vor Kurzem in der Podcast-Folge „Die Buche macht’s nicht mehr? Warum das Urteil zu früh kommt“ von „Peter und der Wald“ (https://youtu.be/pL_l8CR9vuo) thematisiert, wo diese voreiligen Presseurteile und die Versäumnisse der Forstwirtschaft thematisiert werden. Bitte macht genau so weiter!

    Grüße aus Sinsheim

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